{"id":180,"date":"2020-11-08T09:15:50","date_gmt":"2020-11-08T08:15:50","guid":{"rendered":"http:\/\/xn--wrterbummel-rfb.de\/?p=180"},"modified":"2021-04-11T13:22:27","modified_gmt":"2021-04-11T11:22:27","slug":"milchmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/xn--wrterbummel-rfb.de\/?p=180","title":{"rendered":"Milchmann"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-large-font-size\"><em>Anna Burns<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Von Milchmann, Vielleicht-Freund und Irgendwer-McIrgendwas<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschie\u00dfen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Autoren w\u00fcnschen sich den perfekten ersten Satz und ich finde, Anna Burns ist dieser absolut gelungen. Obwohl man jetzt bereits erf\u00e4hrt, dass die Geschichte f\u00fcr den Milchmann nicht gut ausgeht, verliert der Roman auf seinen 450 Seiten nie die Spannung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die in Belfast, Nordirland, geborene Anna Burns verarbeitet ihr Aufwachsen w\u00e4hrend der sog. Troubles, die nat\u00fcrlich ihr Leben, aber auch ihr Schreiben sehr gepr\u00e4gt haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMilchmann\u201c deckt ca. 8 Wochen Handlung ab und spielt in Belfast. Der Roman ist absichtlich so angelegt, dass keine Figur einen Namen tr\u00e4gt. So verdeutlicht Anna Burns soziale Markierungen und Gruppenzugeh\u00f6rigkeiten. Man k\u00f6nnte die Geschichte auf jede Gegend st\u00fclpen, in der Kriegssituationen und Unruhen herrschen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Protagonistin ist eine 18-J\u00e4hrige, die sich in eine Art inneres Exil begibt. Sie glaubt, wenn sie ihre Umgebung nicht beachtet, wird auch sie nicht beachtet. Doch im Laufen zu lesen oder einen Franz\u00f6sischkurs zu belegen, erregt genauso Aufmerksamkeit. Zum Entsetzen ihrer Mutter ist sie noch nicht verheiratet. Stattdessen wird ihre eine Aff\u00e4re mit dem 23 Jahre \u00e4lteren Milchmann nachgesagt. Man k\u00f6nnte dessen Handlungen sicher unter dem Aspekt der aktuellen me-too-Debatten betrachten. Der Milchmann, ein hohes Tier unter den Paramilit\u00e4rs, die das katholisch-nationalistische Arbeiterviertel beherrschen, wei\u00df alles \u00fcber das M\u00e4dchen. Wer ihr Vielleicht-Freund ist, welche Wege sie l\u00e4uft, wo sie joggt. Immer wieder taucht er auf, spricht sie an, will, dass sie zu ihm in den Wagen steigt. Doch sie wei\u00df, wenn sie das macht, ist es ihr Ende. Es ist eine Gewalt, die ohne Gewalt stattfindet. Er schafft es, st\u00e4ndig in ihren Gedanken aufzutauchen. Das Gerede wird immer lauter, dabei zieht sie sich immer mehr zur\u00fcck. Je mehr sie den Anschuldigungen widerspricht, desto weniger glaubt man ihr, verlangt vielmehr, doch endlich alles zuzugeben. Sie geht mit Schwager Drei zum Laufen, nimmt andere Routen, bangt um das Leben von Vielleicht-Freund, wehrt sich mit aller Macht gegen den Milchmann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman deckt mehrere Themen ab. Auch Emanzipation wird dargestellt durch die Themenfrauen, die sich zusammengefunden haben um daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, dass auch Frauen eine Stimme haben und sich ausdr\u00fccken d\u00fcrfen. Politische Themen werden ebenso aufgegriffen, allerdings nur angedeutet, z. B. als Vielleicht-Freund einen Kompressor eines Bentleys gewinnt. Zun\u00e4chst freut sich die versammelte Nachbarschaft mit ihm. Doch als erste Zweifel aufkommen, ob man Teile, die von einem k\u00f6niglichen Hoflieferanten kommen, besitzen d\u00fcrfe, eskaliert die Situation. Die alte Feindschaft zwischen Nordirland und der englischen Krone bricht immer wieder durch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Leichte Kost ist \u201eMilchmann\u201c gewiss nicht. Aber es ist wie beim Berg steigen: wenn man den Gipfel erklommen hat, genie\u00dft man einfach die Aussicht und ist stolz darauf, den teils beschwerlichen Marsch geschafft zu haben. Auf dem Weg dahin gibt es doch noch die ein oder andere \u00dcberraschung. Wer sich bereits im Vorfeld ein wenig mit dieser Zeit, also den Siebziger Jahren, befasst, wird sich um einiges leichter tun und die Figuren und Schaupl\u00e4tze besser einordnen k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized is-style-rounded\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/xn--wrterbummel-rfb.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/08.2-Milchmann.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-181\" width=\"440\" height=\"330\" srcset=\"https:\/\/xn--wrterbummel-rfb.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/08.2-Milchmann.jpg 1024w, https:\/\/xn--wrterbummel-rfb.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/08.2-Milchmann-300x225.jpg 300w, https:\/\/xn--wrterbummel-rfb.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/08.2-Milchmann-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 440px) 100vw, 440px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Milchmann ist heute ein ausgestorbener Beruf. Mit dem Einzug von K\u00fchlschr\u00e4nken in Privathaushalte und Milch in Superm\u00e4rkten war der Milchmann nicht mehr wettbewerbsf\u00e4hig (Stichwort \u201eDisruption\u201c, gab es ja in verschiedenen Formen schon immer). Dabei geh\u00f6rte er gerade auf der Insel dazu wie die roten Briefk\u00e4sten. Noch Anfang der 80er Jahre wurden neun von zehn in Gro\u00dfbritannien verkauften Milchflaschen an der Haust\u00fcr abgeliefert. Heutzutage werden nur noch etwa 3% der Milch direkt an die Haust\u00fcr geliefert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kinder haben wir f\u00fcr unsere Nachbarn die Milch in der kleinen Milchkanne direkt vom Bauern abgeholt. Auch auf die Gefahr, dass die Mutter meiner Freundin uns wieder schimpfte, haben wir jedes mal den Rahm von der frischen Milch direkt aus der Kanne weggetrunken und meistens auch den Giggel (Brotkante) vom noch warmen Brot gegessen, das wir auf dem R\u00fcckweg noch beim B\u00e4cker geholt haben. Es war einfach zu lecker und verlockend.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Milchindustrie-Verband (Quelle: www.miv.de) hat ein paar interessante Fakten zur Milch bei uns in Deutschland. Fast 60.000 Milcherzeuger halten 4 Mio. Milchk\u00fche, die pro Jahr 33 Mio. Tonnen Milch produzieren. Im letzten Jahr verzehrte ein Bundesb\u00fcrger 49,5 kg Konsummilch (entspricht quasi dem Gewicht eines Topmodels), 15,1 kg Joghurt, 25 kg K\u00e4se und stolze 5,8 kg Butter. Insgesamt wurden rund 4,5 Mio. Tonnen Konsummilch hergestellt, von denen ein nicht unerheblicher Teil in meinem K\u00fchlschrank zu finden war, h\u00f6h\u00f6. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wer Lust hat, kann bei einem Glas hei\u00dfer oder kalter Milch, einer hei\u00dfen Schokolade, einem Cappuccino, einer Latte oder einem Tee mit Milch etwas \u00fcber den Milchmann lesen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Viel Erfolg (finde ich f\u00fcr dieses Buch angebracht&#8230; :-)) beim Lesen, eure Ella!&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Burns Von Milchmann, Vielleicht-Freund und Irgendwer-McIrgendwas \u201eDer Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschie\u00dfen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.\u201c&nbsp; Viele Autoren w\u00fcnschen sich den perfekten ersten Satz und ich finde, Anna Burns ist dieser absolut gelungen. 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Zum Entsetzen ihrer Mutter ist sie noch nicht verheiratet. Stattdessen wird ihre eine Aff\u00e4re mit dem 23 Jahre \u00e4lteren Milchmann nachgesagt. Man k\u00f6nnte dessen Handlungen sicher unter dem Aspekt der aktuellen me-too-Debatten betrachten. Der Milchmann, ein hohes Tier unter den Paramilit\u00e4rs, die das katholisch-nationalistische Arbeiterviertel beherrschen, wei\u00df alles \u00fcber das M\u00e4dchen. Wer ihr Vielleicht-Freund ist, welche Wege sie l\u00e4uft, wo sie joggt. Immer wieder taucht er auf, spricht sie an, will, dass sie zu ihm in den Wagen steigt. Doch sie wei\u00df, wenn sie das macht, ist es ihr Ende. Es ist eine Gewalt, die ohne Gewalt stattfindet. Er schafft es, st\u00e4ndig in ihren Gedanken aufzutauchen. Das Gerede wird immer lauter, dabei zieht sie sich immer mehr zur\u00fcck. Je mehr sie den Anschuldigungen widerspricht, desto weniger glaubt man ihr, verlangt vielmehr, doch endlich alles zuzugeben. Sie geht mit Schwager Drei zum Laufen, nimmt andere Routen, bangt um das Leben von Vielleicht-Freund, wehrt sich mit aller Macht gegen den Milchmann.&nbsp; Der Roman deckt mehrere Themen ab. Auch Emanzipation wird dargestellt durch die Themenfrauen, die sich zusammengefunden haben um daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, dass auch Frauen eine Stimme haben und sich ausdr\u00fccken d\u00fcrfen. Politische Themen werden ebenso aufgegriffen, allerdings nur angedeutet, z. B. als Vielleicht-Freund einen Kompressor eines Bentleys gewinnt. Zun\u00e4chst freut sich die versammelte Nachbarschaft mit ihm. Doch als erste Zweifel aufkommen, ob man Teile, die von einem k\u00f6niglichen Hoflieferanten kommen, besitzen d\u00fcrfe, eskaliert die Situation. Die alte Feindschaft zwischen Nordirland und der englischen Krone bricht immer wieder durch.&nbsp; Leichte Kost ist \u201eMilchmann\u201c gewiss nicht. Aber es ist wie beim Berg steigen: wenn man den Gipfel erklommen hat, genie\u00dft man einfach die Aussicht und ist stolz darauf, den teils beschwerlichen Marsch geschafft zu haben. Auf dem Weg dahin gibt es doch noch die ein oder andere \u00dcberraschung. Wer sich bereits im Vorfeld ein wenig mit dieser Zeit, also den Siebziger Jahren, befasst, wird sich um einiges leichter tun und die Figuren und Schaupl\u00e4tze besser einordnen k\u00f6nnen.&nbsp; Der Milchmann ist heute ein ausgestorbener Beruf. Mit dem Einzug von K\u00fchlschr\u00e4nken in Privathaushalte und Milch in Superm\u00e4rkten war der Milchmann nicht mehr wettbewerbsf\u00e4hig (Stichwort \u201eDisruption\u201c, gab es ja in verschiedenen Formen schon immer). Dabei geh\u00f6rte er gerade auf der Insel dazu wie die roten Briefk\u00e4sten. Noch Anfang der 80er Jahre wurden neun von zehn in Gro\u00dfbritannien verkauften Milchflaschen an der Haust\u00fcr abgeliefert. Heutzutage werden nur noch etwa 3% der Milch direkt an die Haust\u00fcr geliefert.&nbsp; Als Kinder haben wir f\u00fcr unsere Nachbarn die Milch in der kleinen Milchkanne direkt vom Bauern abgeholt. Auch auf die Gefahr, dass die Mutter meiner Freundin uns wieder schimpfte, haben wir jedes mal den Rahm von der frischen Milch direkt aus der Kanne weggetrunken und meistens auch den Giggel (Brotkante) vom noch warmen Brot gegessen, das wir auf dem R\u00fcckweg noch beim B\u00e4cker geholt haben. Es war einfach zu lecker und verlockend.&nbsp; Der Milchindustrie-Verband (Quelle: www.miv.de) hat ein paar interessante Fakten zur Milch bei uns in Deutschland. Fast 60.000 Milcherzeuger halten 4 Mio. Milchk\u00fche, die pro Jahr 33 Mio. Tonnen Milch produzieren. Im letzten Jahr verzehrte ein Bundesb\u00fcrger 49,5 kg Konsummilch (entspricht quasi dem Gewicht eines Topmodels), 15,1 kg Joghurt, 25 kg K\u00e4se und stolze 5,8 kg Butter. Insgesamt wurden rund 4,5 Mio. 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